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Vergangene Ausstellungen von Karin Beck trugen Titel wie „Liebe oder Der Schein der Dinge“ (2002 in der Ausstellungshalle der Sauterfabrik, Albstadt) oder „Die kurze Zeit, das Glück zu fassen“ (im Landratsamt Balingen 2003). Um in der Begrifflichkeit zu bleiben, mit der sie viele, die sie – im Beruf, privat, in der Auseinandersetzung mit bildender Kunst – kennengelernt haben, sicher als „Powerfrau“ bezeichnen würden, lautet die Adresse ihres Internet-Auftrittes entsprechend „www.artfever.de“. Und mit der aktuellen Ausstellung wird endgültig deutlich, dass es tatsächlich ein Fieber ist, das die 1944 geborene Malerin gepackt hat, die als Autodidaktin über die Ausdrucks-sprache der „Jungen Wilden“ oder Vorbilder wie dem befreundeten Künstler Helmut Middendorf zur Kunst gekommen ist

Zwar sind die hitzigen Temperaturen inzwischen deutlich abgekühlt, ganz und gar sommer- und urlaubsgerecht klingt dennoch der neue Ausstellungstitel „Farbige Geschichten und Erholungsbilder“, den sich Karin Beck für die Präsentation ihrer Gemälde in der GWG erdacht hat. In der Tat handelt es sich bei den starkfarbigen Arbeiten um Geschichten als Farbangelegenheiten, Malschichten als Malgeschichten in zweifacher Weise, technisch-formal um Malschichten als Aufzeichnung von Farbvergangenheiten, sowie inhaltlich kraft ihres erzählerischen Charakters. Und weil ihre Malerei häufig aus erzählerischen Momenten heraus angelegt ist, von Figuren und ihren Beziehungen handelt, in denen die eigene Person und ihre Umgebung mit eingefangen erscheint, geben diese Geschichten auch Lebensgeschichte in biografischen Zügen wieder, Geschichten vom Selbst und der Einfühlung in historische Gestalten und Attituden „starker Frauen“.

Diese Art Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen taucht in

 besonderem Maße in den neueren Arbeiten Karin Becks auf. Aus Malereien Lucas Cranachs entflohene Venusmadonnen wildern in ihrem Farbendschungel oder es posiert der englische König Heinrich VIII. – feist grün und grell – und wird von der Künstlerin auf seinen maßlosen Ehefrauenverschleiss befragt, ja um Selbstbeherrschung gebeten. Andernorts findet sich der Betrachter unversehens im Schlafzimmer einer jungen Frau wieder: Züchtig mit Daunenware bedeckt und ins flauschig aufgeschüttelte Kissen gebreitet blickt die Einsame (oder Alleingelassene) starr aus der Bildfläche; den verzweifelt protestierenden Forderungen eines Spruchbandes gleich steht in großen Lettern über ihrer Bettstatt zu lesen: „O God send me a lover“.

Inmitten des informellen Farbraumes, in der summarisch-spontanen Oberflächen-behandlung und der Malweise selbst verlieren diese Figuren jedoch die ausschließlich historische Anbindung an eine konkret fassbare Biografie und geraten zu überzeitlichen Sinnbildern, Darstellern auf der Schaubühne der Jetzt-Zeit. Und gerade weil Karin Beck auf Charaktere und Wesenszüge abhebt, die sie als Gefühls-, Empfindungs- und SinnParallelen in die Gegenwart übertragbar erscheinen lassen, haftet diesen Darstellungen doch wieder nichts Anekdotisches an. Die „großen Gefühle“ von Menschen, zwischen Frauen und Männern, finden hier unverändert – bestenfalls in den Flexionen der verschiedenen Epochen gebeugt – statt.

Clemens Ottnad M.A. zur Ausstellung “Karin Beck – Farbige Geschichten und Erholungsbilder” in der

GWG Gemeinnützige Wohnungsgesellschaft Reutlingen mbH 2004

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